Perspektiven oder wer will wem was erzählen?

Workshop im Brückenhaus

Workshop im Brückenhaus

Im Brückenhaus, in den Räumlichkeiten von „Chai“ haben sich einige Schülerinnen und Schüler am Abend mit jungen Flüchtlingen, ihrem Lehrer Manfred Machoczek, Vanessa Molter und Andrea Kees von Chai, der Künstlerin Ülkü Süngün und mir vom Haus der Geschichte getroffen. Die Jugendlichen aus der 10. Klasse haben von ihrem langen Workshop-Nachmittag in der Schule berichtet und die Flüchtlinge gefragt, was sie in der Ausstellungsintervention über sich und über die Situation von Flüchtlingen in Kirchheim erzählen möchten.

Die Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Iran waren unterschiedlicher Meinung über die politischen Positionen, die sie beziehen sollten: Einige wollten vor allem die Dankbarkeit gegenüber dem Land, das sie vor Krieg und Verfolgung schützt und ihnen ein Dach über dem Kopf bietet, ausdrücken. Andere eher Kritik daran äußern, dass man ihnen über Jahre hinweg lediglich 4,5 qm zum Leben zubilligt, sie zunächst nicht arbeiten und keine Deutschkurse besuchen dürfen. Eine Schülerin machte dann den Vorschlag, die unterschiedlichen Positionen in einer Pro-und-Contra-Projektion im Museum zu zeigen.

Sprache und Sprachlosigkeit waren an dem Abend immer wieder Thema. Selbst wenn die Asylbewerber sich um deutsche Sprachkenntnisse bemühen, haben sie nur wenige Gelegenheiten, das Gelernte im Gespräch mit einheimisch Deutschen anzuwenden, außerhalb der Unterkunft Kontakte zu knüpfen und Gedanken auszutauschen. Keine Sprache zu haben für das, was man erlebt hat, unterschiedlich sprechen zu müssen, um die Eltern zu beruhigen, die zurückgeblieben sind, um sich bei Behörden verständlich zu machen oder in der Schule bestehen zu können – Sprache erwies sich für die Flüchtlinge in vielen Zusammenhängen als Barriere.

02 Flüchtlinge WorkshopZwei Jugendliche sprachen am Ende doch noch vor der Kamera über das, was sie uns unbedingt mitteilen möchten: über die Schwierigkeiten, Ansprechpartner für den Anfang in Deutschland zu finden und darüber, wie anstrengend es ist, gegen den Lärm im engen Zimmer mit sehr viel älteren Mitbewohnern und auf der schmalen Matratze für die Schule zu lernen. Biographiegeschichtliche Interviews im Video, wie sie den Schülerinnen und Schülern vorschwebten, die ja aber selbst auch nicht vor der Kamera zu sehen sind, lehnten die Flüchtlinge einstimmig ab.

Wer spricht dann also, wenn alle gerne Video-Interviews einbeziehen wollen? Können wir mit Verfremdungen arbeiten? Sollten wir mehr über Sprechakte nachdenken? Oder alle vor die Kamera treten?

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